ZDF: Bei Iris Berben wurde unheilbarer Krebs diagnostiziert.
Irma Bern hat alle Stürme ihrer Karriere überstanden. Das goldene Zeitalter, als das deutsche Fernsehen die Wochenendabende füllte, die Jahre des Marktabschwungs, in denen Künstler um Engagements kämpfen mussten und die Explosion der sozialen Medien, wo ein einziger Fehltritt zu einer öffentlichen Verurteilung führen konnte.
Irma hat alles erlebt, aber sie hätte sich nie vorstellen können, dass sie jemals vom Schauspielern abhalten würde.
Berlin lag in einem dünnen Nebelschleier. Irma saß in ihrem Auto, das Drehbuch zu ihrem neuen Film auf dem Schoß. Auf dem Cover prankten fette Worte: “Das Ende.” Ironischerweise erzählt der Film die Geschichte einer Künstlerin, die beschließt, ihre Krankheit öffentlich zu machen und so Angst in Stärke zu verwandeln.
Irma hatte diese Rolle vor zwei Monaten mit großer Begeisterung angenommen. Sie liebte Charaktere mit Ecken und Kanten, mit Komplexität, mit verborgenen Wahrheiten.
Doch erst heute beim Anblick des Filmtitels spürte sie, wie sich ihr Herz zusammenzog, als würde es jemand zudrücken.
“Frau Bern, sie haben es geschafft.” Die Krankenschwester lächelte, als Irma die Klinik betrat.
Ihre Stimme war sanft, als wäre es ein ganz normaler Routinetermin. Sie nickte und versuchte, Fassung zu bewahren.
Prominenten wird oft beigebracht.
Niemand darf dich zittern sehen, selbst wenn du zitterst.
Vor einigen Wochen hatte Irma einen seltsamen Schmerz entdeckt. Er war nicht stark, nur ein dumpfer Schmerz, wie ein Klopfen, das sich wiederholte, bis jemand die Tür öffnen musste.
Sie hatte ihren Termin wegen Dreharbeiten, Interviews, Premierenfeiern und unzähligen Gründen, die ihr jetzt lächerlich vorkommen, verschoben.
Erst als der Schmerz sich ausbreitete, rief sie endlich den Arzt an und dann folgten die Untersuchungen so schnell hintereinander, dass Irma kaum atmen konnte.
Bluttests, Scans, Biopsien, warten.
Nacht für Nacht starrte Irma an die Decke und übte ihren üblichen Gesichtsausdruck für den Morgen den Alles in Ordnung. Ausdruck.
Aber ihr Körper gehorchte ihr nicht. Er war immer noch kalt, immer noch schwach und erinnerte sie immer noch daran, daß dies keine Rolle war. Die Tür zum Arztzimmer öffnete sich. Dr. Klein stand auf und zog ihr einen Stuhl zurecht.
Auf dem Tisch lag ein dicker Ordner mit schwarz-weiß Fotos, Zahlen und Fachbegriffen, die einen klein erscheinen ließen.
Irma, begann er mit leiser Stimme. Ich will ehrlich sein, aber ich möchte auch, dass Sie wissen, dass wir Schritt für Schritt vorgehen.
Irma sah ihm direkt in die Augen. Sie war angespannte Momente gewohnt, doch diesmal war es anders. Diese Szene ließ sich nicht einfach schneiden. Er erklärte es mit bedächtigen Worten. Er sprach von der Größe des Tumors, von seiner Ausbreitung, von den Behandlungsmöglichkeiten, vom Ziel der Krankheitsverlangsamung und Kontrolle.
Irma hörte zu, doch es fühlte sich an, als käme der Ton aus einem anderen Raum.
Erst als er inne hielt, bemerkte Irma, dass sie die Fäuste so festgeballt hatte, dass sich ihre Fingernägel in ihre Haut bohrten.
Stadium endgültig, fragte sie mit heiserer Stimme. Doktor Klein schwieg einen Moment. Wir nennen es die Progressionsphase.
Ich weiß, das Wort Ende klingt beängstigend, aber das heißt nicht, dass es sofort vorbei ist. Es bedeutet, daß wir eine langfristige Strategie brauchen, die sich auf die Lebensqualität konzentriert.
Irma nickte, doch ihre Augen brannten.
Sie hatte schon hunderte Male die starke Frau gespielt.
Aber als die Wahrheit ans Licht kam, war diese Stärke wie Make-up im Regen verschwunden.
Sie verließ die Klinik mit einem Umschlag voller Termine. Draußen war Berlin so voll wie immer. Die Menschen lachten, unterhielten sich, eilten umher, lebten. Niemand ahnte, dass Irmas Welt gerade in zwei Hälften gespalten worden war, vor und nach der Diagnose.
Im Auto schaltete sie ihr Handy ein.
Drei verpasste Anrufe von Mara, ihrer Managerin und besten Freundin seit 20 Jahren. Mara war jemand, die Chaos in einen Plan, Skandal, in eine Chance verwandeln konnte, aber Irma war noch nicht bereit, ihre Stimme zu hören. Die Nachricht kam: “Ihrma, das Filmteam fragt nach deinem Terminkalender.
Die Presse möchte ein Interview. Ruf mich zurück und ich mache mir Sorgen um dich.” Irma starrte lange auf die Worte. Ich mache mir Sorgen um dich. Nie zuvor hatten diese vier Worte sie so sehr zum Weinen gebracht.
Sie fuhr zu ihrer kleinen Wohnung in Charlottenburg, einem Ort, an dem sie wegen ihres vollen Drehplans nur selten war.
Die Wohnung war still und roch nach altem Holz und Kamillentee. Irma zog ihre Schuhe aus, ging barfuß über den Boden und fühlte sich als kehre in einen fremden Körper zurück.
Auf dem Küchentisch lag ein weiterer Umschlag, eine Einladung zu einer renommierten Preisverleihung.
Irmer hatte einst von diesem Moment geträumt, doch jetzt war der Umschlag nur noch ein Stück Papier, dass sie daran erinnerte, dass das Leben weitergeht, selbst wenn man es am liebsten stehen lassen möchte.
Sie schenkte sich Tee ein, doch ihre Hände zitterten, sodass etwas verschüttet wurde.
Irma setzte sich, vergrub ihr Gesicht in den Händen und ließ zum ersten Mal an diesem Tag einen Schluchzer los.
Niemand sah es, keine Kameras, nur sie und die Wahrheit. Einen Augenblick später klingelte das Telefon erneut.
Diesmal rief Jonas an, der Regisseur des Films, Das Finale. Irma sah seinen Namen auf dem Display erscheinen und ihr Herz schmerzte.
Er hatte ihr vertraut. Das Filmteam wartete. Hunderte Menschen hingen von diesem Projekt ab.
Sie zögerte einen Moment, bevor sie zum Telefon griff. “Hallo, Irma”, sagte Jonas.
Seine Stimme, sonst so lebhaft, wurde bei ihrem Atemzug sofort leiser.
Alles in Ordnung? Mara meinte, du wärst zur Untersuchung gewesen. Irma schwieg.
Sie hätte okay sagen können. Sie hätte so tun können, aber heute wollte sie nicht mehr so tun. “Jonas”, sagte sie leise. “Ich ich habe gerade die Ergebnisse bekommen. Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille.
Soll ich vorbeikommen? fragte Jonas.
Oder sollen wir das Treffen verschieben?
Irma schloss die Augen. In diesem Moment sah sie zwei Wege klar vor sich. Den einen es geheim zu halten, weiterzuarbeiten, als wäre nichts geschehen, den anderen darüber zu sprechen, all die Blicke, all die Gerüchte, all die grausamen Fragen der Medien zu ertragen.
Sie wuste nicht, wie mutig sie war, aber eines wußte sie. Wenn sie schwieg, würde die Krankheit nicht verschwinden.
Es würde nur im Verborgenen wachsen. Ich brauche Zeit, sagte Irma. Und ich muss mit dir besprechen, wie es mit dem Film weitergeht.
Jonas stellte keine weiteren Fragen. Er sagte nur: “Okay, du bist nicht allein, ich bin da.” Als das Gespräch beendet war, saß immer still da. Zum ersten Mal seit dem Morgen spürte sie etwas anderes als Angst, Wärme. Sie stand auf und ging zum Spiegel. Das Spiegelbild zeigte eine Frau in ihren 60ern. Braunes Haar mit grauen Strähnen, die Augen noch immer wach, aber heute müde. Irma betrachtete sich, als sehe sie eine neue Figur.
“Also, das ist die schwierigste Rolle”, flüsterte sie. Draußen lichtete sich der Berliner Nebel. Schwaches Sonnenlicht strömte ins Zimmer und fiel als dünner Lichtstrahl auf ihr Gesicht. Eine Erinnerung daran, dass der Tag weiterging.
Irma nahm ihr Handy und wählte Maras Nummer. Mara meldete sich sofort. Ihre Stimme dringlich. Endlich rufst du an.
Was ist dabei herausgekommen?
Irma schluckte. Mara, ich brauche dich hier. Einen Moment lang stille. Okay.
Sagte Mara mit sanfterer Stimme. Ein seltener Moment. indem sie nicht versuchte, alles zu kontrollieren.
“Ich bin gleich da.” Irma legte den Hörer auf und lehnte sich an die Wand.
Sie wusste nicht, was der morgige Tag bringen würde. Therapie, Drehtmine, die Presse, öffentliches Mitleid oder boshafte Neugier.
Aber heute hatte sie wenigstens mit jemandem gesprochen und manchmal braucht es nicht mehr, um einen Schritt über den Abgrund zu wagen. In der Ecke des Zimmers lag das Drehbuch zu. Das Ende auf einem Stuhl. Irma ging hinüber und schlug die erste Seite auf. Der erste Satz der Figur lautete: “Ich lasse mir mein Leben nicht von der Angst diktieren.” Irma las ihn noch einmal und dann noch einmal und diesmal fühlten sich die Worte vertraut an.
Sie waren wie ein Versprechen.






